„Wir haben den Klassenerhalt geschafft, weil es gelungen ist, den Spielern deutlich zu machen, dass wir uns nicht zuallererst in den Rollen als Trainer und Mitspieler, sondern als Mitmenschen begegnen.“ Mit dieser Aussage hat der Bundesligatrainer des FC Freiburg, Christian Streich, die Bedeutung der Empathie und des respektvollen Umgangs miteinander als eine Komponente der Leistungsfähigkeit im Fußball hervorgehoben.
Das kann jeder nachvollziehen: Fußball ist eine Mannschaftssportart. In dem vorwiegend als Einzelwettkampf ausgeführtem Tennis dominieren primär eher andere Anforderungen an die Akteure: das individuelle Durchsetzungsvermögen wird im Tennis als wichtigster Erfolgsfaktor betrachtet. Viele Trainer behaupten sogar, dass ein erfolgreicher Tennisspieler Egoist sein muss. Mitmenschlichkeit spielt in diesem Konzept dann keine Rolle.
Ein einfaches Denkmodell kann den graduellen Wettkampf- Unterschied zwischen Fußball und Tennis verdeutlichen:
Selbst der mehrfache „Weltfußballer“ Lionel Messi mit Torwartlegende Iker Casillas an seiner Seite, würde in einem Wettspiel gegen die Kreisklasse-Elf von Deppendorf nach 90 Minuten Spielzeit mit einer deftigen zweistelligen Packung nach Spanien zurückgeschickt werden.

Wenn Rafael Nadal allein auf dem gesamten Spielfeld gegen die beiden herausragenden Bezirksliga-Tennisspieler von Deppendorf im Tennis-Doppel antritt, schickt er die beiden Tennishelden aus der Provinz mit einer sogenannten „Brille“ (6:0, 6:0) unter die kalte Dusche. Darauf wetten wir jede Summe!
Scheinbar logische Konsequenz dieses Vergleichs: Pitch und Court trennen unter den Aspekten der Mitmenschlichkeit und des Teamgeistes – zumindest im Bereich des Leistungssports – also Welten!
Im Tennis setzt sich die individuelle Klasse durch – im Fußball behauptet sich das Kollektiv.
Wirklich?
Kann man diesen „common sense“ als generelle Wahrheit so stehen lassen?
In der folgenden Erörterung dieses Zweifels verzichten wir auf wissenschaftliche Referenzen oder ausführliche Argumentationen und stellen nur wesentliche Fragen:
Wenn der Tennisspieler trainiert, um seine Leistungen zu verbessern, kann er das ohne Partner? Ist Djokovic die Nr.1 der Weltrangliste geworden, weil er immer nur gegen die Tenniswand gebrettert hat?
Wenn die Nr.1 der Tennisrangliste von Deppendorf nur mit besseren Spielern trainieren will, um seine Leistungen zu verbessern, wie viele Stunden steht er dann auf seinem Heimatcourt? Was kosten seine Ausflüge in die – erst nähere, dann immer weitere – Umgebung, um immer wieder bessere Mitspieler zu finden?
Wenn der Tenniseinzelkämpfer auf internationale Turniere fährt, woher nimmt er dann die Trainingspartner, die auf seine individuellen Situation Rücksicht nehmen? Wer gibt ihm nach frustrierenden Niederlagen wieder Rückhalt?
Zum Schluss die banalste Frage:
(Vorsicht! Was banal klingt, kann auch eine tiefe, nur nicht genügend bedachte Wahrheit enthalten!)
Was bedeutet die – vollkommen treffende – sportwissenschaftliche Kennzeichnung des Tennis als Rückschlagspiel in letzter Konsequenz?
Tennis setzt vom grundlegenden Spielgedanken her immer einen Partner voraus!
Wenn man ohne Empathie, Respekt und Rücksicht mit diesen Partnern umgeht, vereinzelt man und nimmt sich alle Chancen der Leistungsverbesserung!
Der Typ „Rambo“ landet im Tennis am Ende in der Wüste!
Christian Streich hat recht.
Seine Aussage gilt auch auf für den Tenniscourt. Mitmenschlichkeit ist von elementarer Bedeutung im Tennis – und zwar auf jeglichem Niveau!

Tennis war und ist grundsätzlich Partnersport.
In den Anfängen des „weißen Sports“ wurde in geselliger Form der Ball mit dem Gegenüber auf der anderen Seite des Netzes im Spiel gehalten. Die Ästhetik der Schläge und die kunstvollen Ballwechsel wurden von den Zuschauern und den Spielern als entscheidender Wert betrachtet.
Der Wettkampfsport Tennis, der Kampf um den Sieg, hat dann andere Ziele herausgefordert. Aber haben wir nicht in einem anderen Beitrag (Viva Viver!) die mitmenschliche Einstellung der wahren Tennisprofis schon thematisiert? Auch im professionellen Weltklassetennis wird der Gegner nachhaltig als Partner betrachtet, von dem man zu individuellen Höchstleistungen motiviert wird.
In unserer Ausbildung, aber auch in den Konzepten, mit denen wir Tennis wieder populärer in unserer Gesellschaft machen wollen, sollten wir in Zukunft diesen Aspekt der Partnerschaft im Tennis wieder stärker berücksichtigen!