10. Juli 2013
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Sabine Lisicki – “Sehet, welch ein Mensch”

Ja, wir haben das Finale von Wimbledon live am Fernseher miterleben können.

Nein, Sabine Lisicki hat nicht ihr bestes Tennis gespielt.

Trotzdem hat sie uns ein Erlebnis geschenkt, dass wir nicht mehr missen möchten. Wir sahen ihr Gesicht in Großaufnahme, als die Tränen der Verzweiflung in ihren Augen standen. Verzweifelt, weil sie an diesem besonderen Tag nicht das leisten konnte, was sie tausend Mal im Training oder in anderen Wettkämpfen wie selbstverständlich realisiert hatte. Aber auch Tränen des Bedauerns – so schien es uns – weil sie dem Publikum, das deutlich seiner Sympathie Ausdruck gab, mehr bieten wollte. Deshalb glitt auch immer wieder ein leicht resignatives Lächeln über ihr Gesicht, wenn laute Anfeuerungsrufe von den Zuschauerrängen kamen.

Als alles vorüber schien, bäumte sie sich auf, wehrte tapfer Matchbälle ab und holte von 1: 5 im zweiten Satz auf 4 : 5 auf. Gab ihren Anhängern wieder Hoffnung – und wurde von einer entschlossenen Gegnerin dann doch besiegt.

Die Siegerehrung direkt nach dem Match: wieder mischten sich Tränen und Lachen auf ihrem Gesicht. Emotional überwältigt stockten ihr manchmal die Worte. Das war überhaupt nicht peinlich, das war authentisch. Das Publikum fühlte mit ihr, dankte mit Beifallsstürmen dem „schönen Verlierer“.

Auch die auf dem Platz hyperaktive, verbissen kämpfende Marion Bartoli entdeckte ihre empathischen Emotionen, sprach ihrer Gegnerin Mitgefühl und Hoffnung aus und die beiden Kontrahenten fielen sich in die Arme. Zusammen in Sieg und Niederlage.

Vor Tagen hatten wir einen Text gepostet, in dem wir die kritischen Beurteilungen von Sabine Lisicki aus der Tennisszene zitiert hatten. Wir haben uns jetzt selbst ein Bild gemacht:

Sabine, du warst auch in der Niederlage ein großartiger Sportler!

Wir entschuldigen uns dafür, dass wir kurz an unseren eigenen Eindrücken gezweifelt hatten.

Am Sonnabend in Wimbledon sahen wir keine „Bumm Bummm Sabine“, keine „Doris Becker“ – wir sahen den Mensch Sabine Lisicki.

Danke.

10. Juli 2013
von admin
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“Sky is the limit”

Erste Runde Wimbledon: Lisicki gegen Topspielerin Schiavone. Das hat überregional kaum jemand zur Kenntnis genommen. Eine halbe Zeile im Ergebnisdienst der großen deutschen Zeitungen. Der Sieg der Berlinerin gegen Vesnina in der zweiten Runde fand auch noch keine größere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

Vor ihrem Drittrunden-Match gegen S. Stosur hatte sich langsam herumgesprochen, dass der Pay-TV-Sender Sky exklusiv aus Wimbledon sendet.

Das Achtelfinale gegen Serena Williams: in den wenigen Clubhäusern der Tennisvereine, die mit Sky (für attraktive Fußballspiele!) ausgerüstet sind, versammelten sich die Tennis-enthusiasten und bejubelten gemeinsam den Triumphzug des deutschen Tennisstars und waren begeistert von ihrer Power, dem Kampfgeist und der Spielfreude.

Die Printmedien berichteten jetzt auf den Titelseiten, zitierten die englische Boulevard-Presse („Bum Bum Bine“, „Doris Becker“) und wiesen auf die historischen Erfolge von Steffi Graf vor genau 25 Jahren hin. Tennis Nostalgie…

Der Viertelfinalsieg gegen Kanepi fand allerseits Aufmerksamkeit – sogar die ARD-Tagesschau brachte Bilder von der blonden Powerfrau.

Vor dem Halbfinale gegen Agnieszka Radwanska kam die Botschaft, dass die öffentlichen TV-Sender das Wimbledon-Finale übertragen würden, wenn „Doris Becker“ das Endspiel erreichen würde. Sabine gewann in einem dramatischen Thriller. Wer das live miterleben durfte, konnte die besondere Attraktion des weißen Sports an Leib und Seele nachempfinden.

Gegenwärtig verhandeln die TV-Mächte miteinander – es geht um viel Geld. Noch weigert sich Sky Übertragungsrechte anzubieten. Warten wir ab – wenn die Knete stimmt, wird die langsam wieder tennisinteressierte deutsche Bevölkerung in den Genuss kommen, sich an  der rundum positiven Ausstrahlung von Sabine zu erfreuen. 

Es gibt die englische Redewendung „the sky is the limit“. Das bedeutet, dass einem großen Projekt kaum Grenzen gesetzt sind, dass es ungeahnte Erfolgsaussichten besitzt.     

Sabines wundervoller Siegeszug auf dem „heiligen Rasen“ hat Tore und Türen geöffnet, dass Deutschland sich wieder für Tennis begeistert und sich mit aktuellen deutschen Tennisstars identifiziert.

Sky is the limit. Die englische Redewendung erhält gegenwärtig eine ganz andere Bedeutung: Der Fernsehsender, der nur von wenigen gesehen werden kann, setzt die Grenze – oder anders ausgedrückt: er verschließt unter Umständen die Türen.

Das ist kein Vorwurf an den Pay-TV-Sender. Immerhin berichten die seit fast 2 Wochen täglich „rund um die Uhr“ von dem bedeutendsten Tennisturnier der Welt.

Sky hat es ermöglicht, dass einige deutsche Tennisfans die vorbildlichen Auftritte von Sabine Lisicki live mit verfolgen konnten.

Es stellt sich die Frage, warum kein deutscher TV-Kanal den Mut(?) aufgebracht hatte, aus Wimbledon zu übertragen.

Mit etwas mehr Kenntnissen und Weitblick hätten die TV-Intendanten voraussehen können, dass gerade unsere deutschen Tennismädels (und Tommy Haas!) realistische Chancen auf attraktive Erfolge bei einer der weltweit prestigeträchtigsten Sportveranstaltungen besitzen. Da hatte doch Bundestrainerin B. Rittner schon vorher verkündet, dass mindestens zwei Spielerinnen das Zeug dazu haben, den Sieg in Wimbledon zu erringen.

Stelle dir vor, wir gewinnen Wimbledon – und keiner schaut zu.

Weltweit hat Sabine Lisickis Triumphzug Werbung für das deutsche Tennis gemacht. Warum so viel weniger zu Hause – im Land des mitgliederstärksten Verbandes auf der Welt?

Bei der Beantwortung dieser Frage haben sich viele Funktionäre und Institutionen des weißen Sports in Deutschland an die eigene Nase zu fassen und zu hinterfragen, ob die Potentiale unseres geliebten Sports erkannt und (auch nur annähernd) optimal genutzt werden.

10. Juli 2013
von admin
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“Entschuldigen sie die Störung, wir verändern gerade das Land”

 Auftakt des Fußball-Confederations-Cups im Juni in Brasilien: Tausende Demonstranten marschieren auf die Stadien in Rio, Brasilia und Belo Horizonte. Beim Eröffnungsspiel buhen brasilianische Fans den FIFA-Chef Blatter und die eigene Präsidentin Rousseff aus. Zum Wochenbeginn strömen Hunderttausende erboster Brasilianer in die Innenstädte der Metropolen. Erst flogen Steine, dann brannten Autos und schließlich reagierte die Polizei mit Tränengas.

Diese Proteste richteten sich gegen die Willkür der Verwaltungen und Verbände. Auf einem Protestplakat stand: „Entschuldigen Sie die Störung, wir verändern gerade das Land!“ Das ist witzig, das zeigt Selbstkritik und Empathie – das hat Stil. Das ist vorbildlich – auch für die Autoren dieses Blogs. Wir wollen höflich und differenziert stören, wir wollen den Finger in die Wunden des deutschen Tennis legen, wir wollen das mitgliederstärkste Land auf der Tenniswelt positiv verändern. Wir wollen andere aufrufen, sich an dieser Veränderung zu beteiligen.

Es gibt einiges zu verändern: Da werden ungeheure Summen beim DTB für Tennismanager bezahlt, die nichts bewirken. Da bekämpfen sich eitle Davis-Cup-Spieler untereinander, intrigieren gegen den Coach und am Ende tritt ein personell stark geschwächtes Team an. Da muss sich der Jugendwart eines Verbandes vor Gericht verteidigen, weil mehr als acht weibliche Personen unterschiedlichen Alters ihn wegen sexueller Nötigung anklagen. Da werden Kassenwarte der Tennisclubs ehrenhaft entlassen, nachdem sie sich jahrelang aus der Vereinskasse selbst bedient und den Verein in den Ruin getrieben haben. Da werden bei Neuwahlen Vorsitzende und Sportwarte gewählt, nur weil sie nicht rechtzeitig vor ihrer Wahl das Clubhaus verlassen haben. Wie andere, die vielleicht besser geeignet wären.

Ist das der Zeitgeist, den der neue deutsche Verbandspräsident Altenburg in seiner Antrittsrede ansprach und dem sich seine Mitarbeiter und Mithelfer anschließen sollen? Wohl kaum.

In unserem Blog wollen wir stören, kritisch Sachverhalte und Entwicklungen betrachten, um verändern zu können. Dafür brauchen wir unsere Leser. Senden sie Geschichten aus ihrem Umfeld ein, die Missverhältnisse im deutschen Tennis charakterisieren. Mailen Sie uns auch Aktionen, die wegweisend für die Zukunft des deutschen Tennis sein könnten.

Gemeinsam können wir dann Beiträge leisten, die eine hoffnungsvollere Zukunft gestalten könnten.