28. Juli 2013
von admin
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“Die Gelegenheit beim Schopfe packen”

Im letzten Post unter Pitch and Court haben wir über die Selbsterfüllenden Prophezeiungen geschrieben, die in entscheidenden Situationen zu unnötigen Fehlern führen.

Internationale Spitzensportler zeigten sich an der Thematik interessiert und haben uns ihre Kommentare zugesandt. Das macht Mut, diese Problematiken an diesem Ort zu vertiefen und Hinweise zu geben, wie man zu erfolgreichen Lösungen kommt.

Da spielt das  deutsche Fußball-Nationalteam gegen Schweden in der Euro-Qualifikation eine Stunde lang Traumfußball und liegt mit 4 : 0 in Führung. Eine kleine Unachtsamkeit in der Verteidigung ermöglicht den Schweden ein Tor. Eigentlich ist nichts Weltbewegendes passiert. Dann erzielen die Schweden wieder ein Tor. Jetzt runzeln einzelne deutsche Spieler die Stirn. Als die Schweden das dritte Tor nachlegen, können sich die deutschen Kicker plötzlich vorstellen, das Spiel noch aus der Hand zu geben. Die „Selbsterfüllenden Prophezeiungen“ beginnen zu wirken, die Handlungen der Deutschen werden ängstlicher  und die Schweden erzielen natürlich den Ausgleich kurz vor Schluss.

Hinterher wurde in den Medien die psychische Schwäche der Nationalelf diskutiert, und an den Stammtischen hatte man mit dem Bundestrainer den Sündenbock für dieses vermeintliche Versagen gefunden. Alles Quatsch! Auch weil man die außergewöhnliche Leistung der Schweden in deutscher Engstirnigkeit vollkommen außer Acht gelassen hat. Die haben in einzigartiger Weise nämlich die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Es lohnt viel mehr, sich über diese vorbildliche Wettkampfeinstellung Gedanken zu machen:

Die antiken Griechen hatten die Bedeutung dieses „Nutzen des günstigen Augenblicks“ erkannt und sogar eine Gottheit für dieses sinnvolle und entschlossene Zupacken, Kairos, geschaffen. Nicht ohne Witz haben sie ihn mit einer Halbglatze und einem Haarschopf auf dem Vorderschädel, den es zu ergreifen galt, dargestellt.

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Kairos ist ein Symbol für die Fähigkeit des Menschen, die Momente, die entscheidend sind, die quasi die Weichen stellen, zu nutzen. Das gilt für das ganze Leben, das gilt aber insbesondere auch besonders für den Wettkampfsport. Im Tennis sprechen wir von den  sogenannten „Big Points“, das sind meist entscheidende Spielstände, wie Break-, Satz- oder Matchball. Genauso wichtig sind im Fußball wie im Tennis die „Turning-Points“, Situationen in denen das Geschehen sich zuspitzt und eine Wendung nach  der einen oder anderen Seite bevorzustehen scheint. Sportreporter sprechen dann oft von dem „Momentum“.

Da verkrampfen einige Spieler, zögern oder werden hektisch. Andere wiederum nutzen ihre Chancen gnadenlos – cool und entschlossen. Sie erkennen  die Gelegenheit, sie greifen zu – und gewinnen.

Bei den „Big- und Turning Points“ unterscheiden sich die hoffnungsvollen Talente von den Siegern.

Wie lernt man diese Winner-Mentalität?

Die Gehirnforscher haben längst erkannt, dass große Momente das natürliche Doping für unsere Gehirne sind. Höhepunkte zählen mehr als Verläufe in unserem Gedächtnis. Das hängt auch mit dem Dopamin-Hormon zusammen, das bei Freude und Erfolg ausgeschüttet wird. Dieses „Glückshormon“ sorgt dann dafür, dass sich die erfolgreichen Aktionen tief in das Gedächtnis einprägen, dass wir es leicht wiedererinnern können. Bei der nächsten großen Herausforderung, in der nächsten entscheidenden Situation, kann man dadurch viel leichter die richtige Lösung wachrufen.

Das klingt gut. Das hört sich einfach an. Ist es aber nicht! „Vor den Triumph haben die Götter den Schweiß gesetzt!“: Um diese Erfolgseigenschaft nachhaltig zu entwickeln, sollte man – laut Aussage der Gehirnforscher und der Spitzentrainer – immer wieder die entscheidende Situation im Kopf durchspielen, um die richtigen Muster ausfindig zu machen. Die erfolgreichen Lösungen müssen dann immer wieder geduldig im Training realisiert und wiederholt werden, bis sie im Gehirn und im Bewegungsapparat verankert sind. Dann ist man auf den entscheidenden Augenblick richtig vorbereitet. Mit dieser Planung wird man zum Manager seines Kairos, man kann selbst über den Ausgang bestimmen.

Training, Training, Training – dann wird man zwar Trainingsweltmeister, aber der Wettkampf hat andere Gesetze.

Deshalb ist im Tennis auf der nächsten Stufe Matchtraining (und im Fußball das Spieltraining) unbedingt erforderlich! Das gelassene Lauern auf den nächsten entscheidenden Moment hilft, unsere Handlungen zu strukturieren, gibt dadurch das nötige psychische und körperliche Gleichgewicht. Man erhöht die Aufmerksamkeit und kann sich so besser orientieren. Es wird  Achtsamkeit entwickelt und damit die Bereitschaft, entschlossen zu handeln, gefördert.

Man sollte sich dem Leben, den Herausforderungen aussetzen, um mehr als einen Kairos zu erhalten. Wenn man die wichtige Herausforderung bewältigt hat, fließt Dopamin. Man empfindet Glück Das Selbstvertrauen ist gestärkt. Bei den nächsten Aufgaben kann man sich auf sein eigenes System verlassen, kann die richtige Lösung viel leichter abrufen.

Teufelskreise und Selbsterfüllende Prophezeiungen sind Schnee von gestern. Sind jetzt dort, wo sie hingehören: tief in die Tonne gedrückt! Die Wahrnehmung ist nicht mehr getrübt von diesem unnötigen Ballast. Man sieht klar. Es wird situationsgerecht gehandelt.

26. Juli 2013
von admin
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Rothenbaum 2013 2.Teil: Mittendrin

Die German Open am Rothenbaum waren ein Heimspiel für die Autoren dieses Blogs. Wir konnten mittendrin dabei sein. Deshalb wird in diesem Post nicht kritisch hinterfragt, werden keine waghalsigen Visionen vom zukünftigen deutschen Tennis entworfen, sondern einfach nur berichtet, was man so miterleben durfte.

Da begegnet man zum Beispiel einem Trainer eines deutschen Spitzenspielers und nach kurzen Begrüßungsworten schildert der sein Leid. Sein gegenwärtiges Übergewicht sei auf „Stress-Fett“ zurück zu führen. Nicht nur im Wettkampf, auch im Training hat er als Sündenbock für jeden Fehl- Schlag seines Schützlings den Kopf hinzuhalten. Daran kann man sich gewöhnen. Wenn ihm allerdings für schlecht bespannte Schläger oder für abgelaufene Schuhsohlen laute Schimpfworte entgegen geschleudert werden, sei es schon schwieriger seine Contenance aufrecht zu erhalten. Nach diesem Turnier wird erst einmal eine kurze Pause in der Zusammenarbeit eingeplant, berichtet der Coach mit einem Hauch von Melancholie und Erleichterung.

image rothenbaum

In ganz anderer Stimmung präsentierte sich Roger Federer im Players Center. Seine Familie hatte er in der Schweiz zurück gelassen. Wahrscheinlich wollte er sie nicht dem berühmt berüchtigten Hamburger Schmuddelwetter aussetzen. Umso gelöster gab er sich dann beim Kartenspielen mit seinen Kontrahenten. Jeder Stich wurde ausgelassen gefeiert, jeder Fehler seiner Partner mit fröhlichem Lachen quittiert. Selbst Spielverluste nahm er gelassen hin – im Gegensatz zu seinem favorisierten Spielpartner Tommy Haas, der bei drohenden Niederlagen seinem Ehrgeiz und seiner Wut lauthals Ausdruck gab. Wer Roger Federers Verhalten von den „Grand Slams“ kennt, bei denen er sich sofort nach den Presse-Konferenzen in seine private Ruhe zur Regeneration zurück zieht, war überrascht von der fröhlichen Geselligkeit des Schweizer Nationalhelden in der Hansestadt.

Das Hamburger Publikum hatte ein Gespür für das relaxte Auftreten Federers und zollte auch seinem außerordentlichen Spielvermögen hohe Anerkennung: selbst im Viertelfinalspiel gegen den Bayreuther Mayer feuerte es ihn vor der drohenden Niederlage frenetisch an und trug seinen Liebling in die nächste Runde. Im Halbfinale gegen Delbonis half kein Anfeuern, kein Mitleiden, keine „standing ovations“    Hamburg trauerte.

Wie eine Wand standen die tennisbegeisterten Hanseaten auch hinter Tommy Haas. Ihm war deutlich anzusehen, dass er unbedingt den Titel in seiner alten Heimatstadt erringen wollte. Bei Misserfolgen schimpfte er mit sich, mit dem Platz, mit der Bespannung – dann pushte er sich wieder und fand unter dem Jubel des Publikums in das Spiel zurück. Bis er an Fognini scheiterte.

Kennzeichnend für die Selbstgespräche der deutschen Turnierhoffnung war ein Kommentar nach einem leicht verschlagenen Angriffsball: „ Haas, du bist einfach blind. Das hat Tommy schon vorher gewusst, dass du diesen Ball wieder einmal versiebst.“ …

 Zurück zu Delbonis: der Linkshänder hatte sich souverän durch die Quali gespielt. Seine Gegner im Hauptfeld suchten zum Einspielen und Einstimmen auf den Argentinier händeringend nach einem spielstarken Linkshänder. Der Qualispieler Florian Barth aus Quickborn bot sich an. Sein schleswig-holsteinischer Bundesgenosse Julian Reister schlug sich als Erster mit „Floh“ ein – und verlor. Dann bat der Spanier Robredo um die Mithilfe Barths – und schied aus.

Roger Federer, ohne Familie und üblichen Turnierstab, griff dann auch wieder auf die Spielstärke des Linkshänders Florian zum Einschlagen zurück. Das Ergebnis ist bekannt.

Ohne es genau recherchiert zu haben, sind wir uns sicher, dass der Italiener Fognini auf das Einspielen mit Barth verzichtet hat. Wie hätte er sonst das Turnier gewinnen können? :)

Um Missverständnisse zu vermeiden: wir gehen keinesfalls davon aus, dass Florian Barth die Ursache des Siegeszugs – von der Quali in das Finale! – des Argentiniers Federico Delbonis war. Der war in ausgezeichneter „Form“, der hat sich in einen sogenannten „Lauf“ gespielt und der hat entschlossen seine Chance genutzt.

Seine Erfolgsserie war überraschend. Der konstruierte Zusammenhang mit dem „Warm up-Partner“ seiner geschlagenen Gegner war willkürlich, bot aber reichlich Anlass für die Scherze der Tennisspieler dieses Turniers untereinander.

Für Florian Barth war die Turnierwoche in Hamburg – wie für die begeisterten Zuschauer – eitel Sonnenschein. In fünf Tagen hat er mit einigen der besten Tennisspieler der Welt trainieren können. Eine einzigartige Gelegenheit und eine Erfahrung, die ihm in seiner zukünftigen Karriere helfen wird. Eine Einschränkung bleibt vorbehalten: wenn seine Erfolgsgeschichte als Einspieler bekannt wird, könnte er bei seinen eigenen Turnieren in Zukunft Schwierigkeiten bekommen, andere Spieler zum Einstimmen auf den Wettkampf zu finden.

Aber Tennisspieler sind ja bekannt dafür, dass sie keinesfalls abergläubisch sind…

20. Juli 2013
von admin
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ROTHENBAUM 2013 – “Großes Tennis!”

Deutsches Tennis seit Wimbledon im Aufschwung – der Turnierdirektor der German Open, Michael Stich, hat den Wind, der gerade in die Segel des weißen Sports hierzulande blies, genutzt und das vermeintlich sinkende Schiff wieder in volle Fahrt gesetzt:

Sieben Tage Sonnenschein am Rothenbaum – schon das ist selten.

Das Teilnehmerfeld war ansehnlich: Roger Federer, Tommy Haas als Magneten – bei Namen wie Almagro, Monaco oder Fognini schnalzen Fachleute mit der Zunge.

Unser Hamburger Michel hatte eine tolle Idee: freier Eintritt auf dieser Traditionsanlage – nur auf dem Centre Court musste man für die Sitzplätze bezahlen. Auf den Nebencourts tummelten sich dann die Weltstars in den ersten Runden und jeder – ob jung oder alt, reich oder arm – konnte diese Spieler bewundern.

Das ist vorbildlich! Auf diese Art kommen auch die jüngsten Tennisfans in den Genuss, ihre Vorbilder live miterleben zu können. Chapeau, Michael!

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Keine Spur von Arroganz, sondern Dienst am gemeinen Bürger, an den Familien und an dem Nachwuchs.

Das war wie in den guten alten Zeiten des Rothenbaums, als einer der Autoren als Kind mit seinen Tennisfreunden von einem Platz zum anderen wandelte, um seine Helden im Einsatz zu sehen. Michael Stich hat mit seiner Entscheidung an eine Tradition angeknüpft, die zukunftsweisend ist.

Der Center Court war ab dem dritten Tag ausverkauft. Die Massen strömten wieder zum Tennis. Auch diese Tatsache hat eine Wirkung auf die Öffentlichkeit und hoffentlich auch auf die großen deutschen TV-Medien.

Schon bei der Qualifikation zeigte sich der positive Umschwung im deutschen Tennis: Tausende Zuschauer tummelten sich auf der Anlage und bei den Matches Hamburger Tennistalente waren die Zuschauerränge sogar schon voll besetzt.

Selbst im Detail stimmte diese Veranstaltung: Wie freundlich, hilfsbereit und offen agierten im Gegensatz zu den Vorjahren die Ordnungsdienste! Das schuf von vornherein eine sympathische Stimmung.

Tennis am Rothenbaum im Juli 2013: unser Traum vom neuen Wind im deutschen Tennis ist hier schnell realisiert worden.

P.S.

Okay – man merkt diesem Post wohl an, das die Autoren Hamburger und stolz auf dieses Tennisevent sind. Wir bitten um Verständnis: keine 100m entfernt von der Tennisanlage lag das ebenso traditionsreiche ehemalige Stadion vom HSV. Dessen heutige Bundesligamannschaft hat uns in den letzten beiden Jahren eigentlich nur Frust oder Resignation beschert. Da ist es wohl erlaubt, seiner Freude Ausdruck zu geben, wenn einmal rundum gute Leistungen in unserer freien Hansestadt geboten werden.

„Großes Tennis!“ – so beurteilte Jürgen Klopp die Leistungen seiner Dortmunder Jungs in dem Halbfinale der Champions-League gegen Real Madrid.

„Großes Tennis!“ – so beurteilen wir die Leistungen der Hamburger Jungs von der Organisation und Turnierleitung anlässlich der German Open.