27. September 2013
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“Der Mann hinter Lisicki, Kerber und Wawrinka”

2. Teil: “Angelique und die Königin”

Im letzten Post hatten wir von Takas Erzählungen über Sabine Lisicki und ihrem Umfeld berichtet. Noch näher müsste dem Chefscout die YONEX-Spielerin Angelique Kerber sein, weil er die Kielerin schon im zarten Alter von 13 Jahren auf ihren Jugendturnieren in Schleswig-Holstein beobachten und kennenlernen konnte.

Taka grinst spitzbübisch, wenn er auf dieses Thema angesprochen wird: „Ehrlich, diese Entwicklung hätte ich ihr nicht zugetraut! Wir waren froh, sie mit jungen Jahren unter Vertrag nehmen zu können – aber dass sie zu einer nachhaltigen Top-Ten-Spielerin der Weltrangliste aufsteigen würde, hatte ich mir nicht in den kühnsten Träumen ausgemalt.“

Er macht eine kurze Pause und sein Grinsen wird noch verschmitzter: „Ich bin mir sicher, dass das aber auch Angelique weiß!…Wir behandeln uns auf jeden Fall mit Respekt – aber im Gegensatz zu einigen anderen Profis öffnet sie sich mir gegenüber noch immer nicht ganz. Das ist vielleicht aber auch gut so.“

Sein Gesichtsausdruck wird ernster und er äußert seine Auffassung, dass ihr internationaler Durchbruch einer stark verbesserten Fitness zu verdanken sei. Er geht davon aus, dass sie sich auch in den nächsten Jahren in den Top-Ten des WTA-Rankings behaupten wird. Den nächsten Schritt in die absolute Weltspitze sieht er noch nicht gesichert:

„Angelique muss aufpassen. Sie ist jetzt voll angekommen bei Konkurrentinnen in der Weltspitze. Sie wird in ihrer Leistungsfähigkeit respektiert. Das bedeutet aber auch, dass die Topstars und ihre Teams ihr Spiel jetzt genau analysieren. Dass sie sich jetzt schon auf ihre Matchführung viel besser eingestellt haben. Alle Gegnerinnen versuchen gegenwärtig die Ballwechsel gegen sie zu verkürzen. Versuchen mehr Druck auf sie auszuüben.“

Damit hat sie gegenwärtig etwas an Dominanz in den Matches gegen die internationalen Spitzenspielerinnen verloren. Um das Heft in den Ballwechseln wieder in die Hand zu bekommen, muss nach seiner Auffassung die Kielerin ihre Power- und Killerschläge noch weiter verbessern.

Gruppenbild

Die Kielerin?

Taka berichtet uns, dass Angelique sich von ihrem Turnierstress nicht in der Hauptstadt des nördlichsten Bundeslandes erholt, sondern sich weit in ihre alte Heimat in Polen zurückzieht. „Das ist nicht in irgendeiner großen polnischen Stadt. Das ist in der Provinz, auf dem Lande. Da gibt es kaum Tennisplätze. Da sind keine adäquaten Trainingspartner. Da ist sie mit ihren Verwandten und alten Freunden allein. Dort tankt sie in aller Ruhe neue Energien auf.“

Damit unterscheidet sie sich deutlich von einigen ihrer Konkurrentinnen, wie zum Beispiel Sharapova oder Radwanska, die sich gern im Glamour der VIP-Szene aufhalten.

Apropos Konkurrenz: wir fragen unseren Gesprächspartner nach seiner Einschätzung der aktuellen Situation des internationalen Frauentennis. Er zögert keine Sekunde und behauptet: „Das ist eine eigene Welt. Der Damencircuit unterscheidet sich stark vom ATP-Zirkus. Die Männer nehmen jedes Opfer auf sich, um an die Spitze zu kommen. Da beherrschen vier absolut professionelle Sportler das Geschehen. Dann folgen vielleicht vier weitere Athleten, die auch einmal in das Finale eines großen Turniers vorrücken können Bei den Damen ist das ganz anders: da überragt Serena Williams. Ohne Drama ist sie unschlagbar!“

Wir fragen nach, was er unter „ohne Drama“ versteht und der Yonex-Scout erläutert uns, dass Serena konkurrenzlos ist, wenn in ihrem Umfeld alles stimmt. Wenn sie sich in Ruhe auf ihre Matches vorbereiten kann. Das klingt nach sporadischen Disharmonien in ihrem Team. Der polyglott-offene Taka zieht sich bei einer Nachfrage diesbezüglich auf seine japanische Herkunft zurück, lächelt – und schweigt. Nach einer längeren Atempause geht er wieder auf Serena ein: „Sie ist die Herrscherin im Frauentennis. Sie hat eine furchteinflößende Präsenz auf dem Court. Das schüchtert selbst hartgesottene Gegnerinnen immer wieder ein. Aber sie hat nicht nur diese außergewöhnliche körperliche Kraft. Sie hat eine außerordentliche Fähigkeit zur Antizipation!“

Dann gerät der YONEX-Mann ins Schwelgen angesichts der WILSON-Spielerin Williams:

„Sie ist die einzige Spielerin auf der WTA-Tour, die fast jeden Ball im Zentrum der Besaitung trifft. Das kann sonst nur Roger Federer!“

Mit diesem Vergleich hat er die US-Powerfrau nicht nur geadelt, er hat sie auf dem Thron gehoben. Serena, „Queen of Tennis“ auf Augenhöhe mit Roger Federer! Da werden einige männliche Tennisprofis in Zukunft weniger freundlich und partnerschaftlich unserem Taka gegenüber treten…

Eine Königin, die seit Jahren über ihr Reich herrscht. Da wird es Zeit für eine Revolution. Vielleicht kann die geballte Frauenpower aus Deutschland den Umsturz herbeiführen?

Unser alter Japaner geht in typischer Höflichkeit nicht direkt auf unsere nationalen Hoffnungen ein, weicht aus: „Sharapova ist die professionellste Spielerin auf der Tour. Sie hat ein klar strukturiertes und umfassendes Trainingssystem und eine unheimliche Disziplin.“ Sein Gesichtsausdruck verrät aber, dass er ihr trotzdem keinen Thronwechsel zutraut.

Dann schießt es plötzlich aus ihm  heraus: „Kvitova!“ Seine Augen leuchten kurz auf. Dann verschwinden die Emotionen aus seinem Gesicht und er analysiert wieder ganz nüchtern:

„Sie hat das Talent, eine „Nummer 1“ zu sein. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass sie das unbedingt will. Sie ist schon zufrieden, wenn ihr manchmal ein Schlag gelingt, den nur sie so produzieren kann…“

In unseren weiteren Gesprächen verließen wir das Feld des Profitennis der Frauen und wandten uns mehr der aktuellen Situation im Herrentennis zu. Der Chefscout hatte einiges zu berichten. Aber davon mehr in unserer nächsten Folge.

Bis dahin: Sayonara, verehrte Leser.

25. September 2013
von admin
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“Der Mann hinter Lisicki, Kerber und Wawrinka”

1 Teil:  Sabine Lisicki

Fast alle Spieler auf der ATP- oder WTA-Tour kennen den freundlichen und gut aussehenden Japaner, der die Schlägerfirma YONEX als Scout international vertritt. Kaum einer kennt allerdings seinen vollen Namen: Takamitsu Hamaura. Für alle – ob WILSON-, BABOLAT- oder PRINCE-Spieler – ist er immer „Taka“. Sein Markenzeichen und gleichzeitig ein Gütezeichen. Der weltoffene Japaner – und das wissen die Profis meist nicht – hat den Durchbruch seiner Karriere in Deutschland realisiert. Als junger Mann, der erfolgreich auf der ITF-Junior-Tour gespielt hatte, verließ er seine fernöstliche Insel von einem Tag auf den anderen und stürzte sich in das Abenteuer Europa, um weitere Erfahrungen zu sammeln. Er landete zuerst in Schweden, arbeitete als Trainer im Trainingscamp in Helsingborg, hatte dort mit späteren Weltklassespielern zu tun und erhielt dann einen Ruf aus Hamburg, um als Privattrainer zwei deutsche Talente in die internationale Spitze zu führen. Er trainierte dann auch Spitzenteams aus dem Norden Hamburgs, arbeitete immer enger mit der japanischen Badminton – und Tennisfirma YONEX – mit dem Europasitzsitz in Willich bei Düsseldorf- zusammen, unterstützte die Familie Zverev in ihrem professionellen Tennisambitionen und ist jetzt seit Jahren der weltweit allein verantwortliche Chefscout des japanischen Schlägerherstellers. Hingis, Hewitt, Nalbandian hatten in ihm einen vertrauenswürdigen Partner gefunden. Heute ist er der Mann hinter Lisicki, Kerber, Tomic und Wawrinka.

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Wir kennen den jetzt 40-jährigen Taka, seitdem er im Raum Hamburg seine Zelte aufgeschlagen hatte. Es lag also nahe, ein Treffen mit ihm zu arrangieren, seine Kenntnisse „anzuzapfen“ und ihm Hintergrundwissen zu entlocken. Wir hatten ein Interview über einen Zeitraum von maximal 2 Stunden vereinbart. Nach vierstündigem Gespräch schauten wir zum ersten Mal auf die Uhr und entdeckten, dass wir alle längst einige private Termine verpasst hatten. Wir nahmen dieses Versäumnis leichter in Kauf, weil wir interessante Informationen und eine Menge neuer Anregungen erhalten hatten.

Wegen dieser Fülle an Material haben wir darauf verzichtet, unser Treffen in Interviewform widerzugeben und uns entschieden, in drei Folgen, die wir unter thematischen Schwerpunkten zusammenfassen, unseren Lesern von dem Meeting zu berichten. Aus naheliegenden Gründen beginnen wir in diesem aktuellen Post mit dem Thema Sabine Lisicki.

Auf unsere Eingangsfrage nach Sabine Lisickis Erfolgsserie in Wimbledon, antwortete Taka mit dem Satz: „Sie hatte viel Glück in Wimbledon“ Dann erklärte er näher: „Einige Matches hingen am seidenen Faden. Zu unser aller Überraschung hat sie einige Spiele noch gedreht, als wir längst der Auffassung waren, dass sie jetzt verlieren wird. Das hing sicherlich mit ihrem unermüdlichen Einsatz und unbedingten Siegeswillen zusammen. In dieser Eigenschaft ist sie herausragend auf der WTA-Tour. Darüber hinaus besitzt sie eine außerordentliche Schlagpower. Bei ihrem Siegeszug in das Finale spielte auch eine entscheidende Rolle, dass sie sich immer wohl fühlt, wenn sie in Wimbledon auftritt“. Anders ausgedrückt: wenn Boris Becker Wimbledon als sein Wohnzimmer bezeichnet, so ist Wimbledon für Sabine Lisicki die Bühne, wo sie Jahr für Jahr die besten Leistungen aus sich herausholt. Längst hat sie dort auch ein begeistertes Publikum gewonnen. Gerade die Engländer bewundern die Power und die Emotionen der blonden Deutschen. Auf den Flügeln dieser Identifikation und dieser Begeisterung segelte sie dieses Jahr in das Finale. Im Zusammenhang mit dem Finale äußerte Taka eine für ihn untypische, weil gewagte, Behauptung: „Wenn sie am nächsten Tag das Endspiel gespielt hätte, hätte sie gewonnen! Dann hätte ihr „Flow“, ihr „Lauf“, sie unbekümmert zum Sieg getragen. Der Tag Pause vor dem Endspiel war keine Erholung, es war eine Unterbrechung. Plötzlich hatte sie Zeit nachzudenken. Ihr wurde bewusst, welche Bedeutung sie für das deutsche Tennis gewonnen hatte. Auf einmal entdeckte sie, welch schwere Verantwortung sie ganz allein zu tragen hatte. Ihre Siegeszuversicht und Unbekümmertheit ging verloren und sie empfand von Minute zu Minute mehr Druck.“

Die Auskunft von Sabine Lisicki nach ihrer Finalniederlage, dass sie die ganze Nacht nicht geschlafen hätte, könnte die Spekulationen ihres Servicemannes bestätigen.

Dann erzählt der Chefscout uns eine interessante Episode: Als Martina Navratilova, die „Grand Old Lady des Frauentennis und neunfache Wimbledonsiegerin, Vater Lisicki nach dem grandiosen Sieg über Serena Williams auf der Anlage traf, klopfte sie ihm kurz anerkennend auf die Schulter, ging dann weiter und warf ihm noch den folgenden Satz zu: „Don’t be happy.“ Das klingt erst einmal kurios. Nach solch einem Erfolg sollte man sein Glück genießen, oder?  Die “alte Füchsin” Navratilova dachte weiter: Seid nicht zu glücklich, sammelt eure Energien, morgen wartet die nächste Herausforderung. Wenn ihr zu entspannt seid, verliert ihr das Ziel aus den Augen und ihr verpasst die einmalige Chance.

Wenn Navratilova am Tag vor dem Finale Sabine getroffen hätte, wäre wohl ein anderer Hinweis erfolgt. Vielleicht: „Don`t be afraid, tomorrow is y o u r chance to become a legend in tennis.” Die Betonung liegt auf dem persöhnlichen Fürwort “your”. Nutze Deine Chance. Vergiss alles Drumherum. Sei fokussiert.

Das Faszinierende am Tennis ist, dass Tag für Tag, Spiel für Spiel, sich die Herausforderungen ändern. Daran kann man reifen, daran kann man aber auch zerbrechen.

Unsere Nachfrage nach ihren Auftritten bei den US Open beantwortete Taka kurz und deutlich: „Sie war verletzt. Sie konnte sich nicht richtig vorbereiten.“

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Und ihre Perspektive? Taka hat das Glück, kein Deutscher zu sein, der unbedingt einen Grand-Slam-Sieg eines nationalen Profis erwartet, damit Tennis wieder seinen früheren Glorienschein in unserer Gesellschaft erhält: „Sie wird in die Top Ten der Weltrangliste vorrücken können.“ Er lächelt verständnisvoll (vielleicht mitleidig?) auf unsere drängenden Fragen nach einer Chance auf zumindest einen Wimbledonsieg von Sabine in der Zukunft und äußert sich rücksichtsvoll: „May be…“ Setzt nach einer kurzen Pause fort: „Um nachhaltig unter die Top Ten der Weltrangliste zu kommen, muss sie unbedingt ihren zweiten Aufschlag verbessern.“

Dann lässt sich der Mann aus Japan einige gut gehütete Geheimnisse entlocken: „Der Vater Lisicki ist ein feiner Mensch. Er hat nicht nur die Grundlagen im Tennis von Sabine gelegt. Er ist immer ihr sportlicher Bezugspunkt geblieben. Der Chef ist aber die Mutter. Der ruhende Pol, an dem sich die temperamentvollen beiden anderen Lisickis immer orientieren. Typisch ist eine Episode, während des Endes des Viertelfinalspiels in Wimbledon. Vor dem dritten Matchpoint griff die Mutter ein und gab Sabine mit dringlichen Handzeichen kund, dass sie jetzt sofort den Schläger wechseln sollte. Sabine rannte zur Bank und folgte beflissentlich dieser Aufforderung. Mit dem nächsten Ballwechsel gewann sie endlich das Match.“ In der folgenden Pause atmete der Erzähler durch und ordnete dann die Handlung der eher tennisunkundigen Mutter ein: „Welch ein Mut! Welch eine Intuition! Das hätte der erfahrenste Coach auf der Tour nicht gewagt. Stellt euch vor, sie hätte die nächsten Punkte mit dem neuen und noch nicht eingespielten Racket verloren…“

Wir konnten diese Vorstellung gut nachvollziehen und stimmten in sein offenes und doch nachdenkliches Lachen über diese ungewöhnliche Handlung ein.

Dann begannen wir über Angelique…

Aber davon berichten wir erst in der nächsten Folge.

23. September 2013
von admin
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“Clubporträt SpVgg Trunstadt”

In den letzten Posts haben wir öfters auch die Lethargie der Tennisszene in Deutschland thematisiert. Natürlich haben wir uns auch kritische Gedanken über unsere eigene Rolle gemacht und uns die Frage gestellt, ob wir nicht auch direkter und konkreter agieren sollten. Aus diesem Brainstorming ist die Idee entstanden, die Basis des deutschen Tennislebens, die Vereine, in unserem Blog mehr in den Blickpunkt zu rücken. Wir werden jetzt eine Serie starten, in der über das Jahr immer wieder außergewöhnliche Tennisclubs aus dem gesamten Bundesgebiet vorgestellt werden. Dabei werden wir auch erfolgreiche Großvereine aus den Metropolen präsentieren, aber wir wollen keinesfalls die kleineren Tennisclubs aus der Provinz vergessen, die seit Jahren mit höchstem Einsatz um ihr Überleben kämpfen. Deshalb beginnen wir auch unsere Serie mit einem kleinen fränkischen Verein, der mit sympathischen und vielleicht auch zukunftsweisenden Mitteln sein Überleben erst einmal gesichert hat.

Allen Lesern, denen die Zukunft ihres Vereins am Herzen liegt, empfehlen wir den folgenden Text. Einige Aktivitäten dieser verschworenen Gemeinschaft, aber auch das Grundkonzept, sind unseres Erachtens für Tennisvereine in ähnlicher Situation nachahmenswert.

Wir waren vor Ort und haben uns selbst einen Eindruck gemacht.

Angesichts der sinkenden Mitgliederzahlen in den Vereinen hatte der Bayerische Tennis-Verband die Entscheidung getroffen, Vereinsberater einzusetzen, die den Clubs Hinweise zur Verbesserung ihrer Situation geben sollten.

Der Oberfränkische Tennis-Bezirk hatte seinen Vereinsberater im Spätsommer 2008 nach Trunstadt, einem idyllischen Flecken am Main, vor den Toren Bambergs, geschickt.

Jürgen Friedberger, der Vorsitzende der Tennisabteilung der Spielvereinigung Trunstadt, hatte diesen Berater am Vereinseingang in Empfang genommen, ihn über die Anlage geführt und von den damaligen Aktivitäten im Verein berichtet.

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Als man sich gemeinsam auf der Veranda des Clubhauses niederließ, um die Perspektiven der Tennisabteilung zu diskutieren, begann und beendete der offizielle Berater seine Unterweisung mit zwei Sätzen:

„Ihr habt hier alles richtig gemacht! … Wie habt ihr diese Fortschritte denn erreicht?“

Jürgen Friedberger übernahm wieder die Gesprächsführung und erzählte dem Verbandsoffiziellen, was alles unternommen worden war, um weiterhin stabile Mitgliedszahlen vorweisen zu können und die Fortführung des Spielbetriebs zu sichern.

Es wird erzählt, dass der oberfränkische Vereinsberater bei seinen weiteren Visiten der Tennisclubs dieser Region allen Vereinen, denen aus der Misere geholfen werden sollte, die Unternehmungen der SpVgg Trunstadt als eine Möglichkeit zur Nach-ahmung empfahl…

Die Tennisanlage der Tennissparte von Trunstadt liegt außerhalb des Ortes und besitzt drei gut gepflegte Sandplätze und ein gemütliches Clubheim. Der Vorsitzende Jürgen Friedberger(64 J.) war 47 Jahre Finanzbeamter und hat sich vor einem Jahr in die Freistellung der Altersteilzeit begeben. Vierzig Jahre lang hatte er erfolgreich Tischtennis gespielt – seine Liebe aber galt insgeheim dem Tennissport. In jungen Jahren hatte er beim exklusiven TC Bamberg Bälle gesammelt, später mit Begeisterung viele Heimspiele der Bundesligamannschaft des Renommierclubs besucht und hatte dann vor 22 Jahren selbst mit Tennis in seinem Wohnort Trunstadt angefangen. Nach einigen Jahren der Mitgliedschaft hatte er den Vorsitz der 1976 gegründeten Tennisabteilung übernommen.

Sein Schwiegersohn Tobias (40J.), Marketingleiter eines orthopädischen Unternehmens, hatte auch als Balljunge bei den Bundesligaspielen des TC Bamberg angefangen, war dann zum Besaiter des Bundesligateams aufgestiegen und hatte schließlich als Assistent des Sportdirektors den Verein mit zum Gewinn der deutschen Vizemeisterschaft im Jahre 1992 geführt.

Die beiden Tennisenthusiasten berichten dann stolz von der Entwicklung ihres kleinen Vereins.

„2002 hatte die Tennisabteilung ihren Tiefpunkt erreicht. Die Mitgliederzahl war stetig gesunken. Knapp 100 Mitglieder spielten noch regelmäßig Tennis. Wir erkannten, dass die eingefahrenen Wege verlassen werden mussten und dass wir neue Ideen, die unseren Verhältnissen angemessen waren, umsetzen mussten. Wir waren uns klar, dass wir uns ganz einfach stärker engagieren sollten!“, berichtet Jürgen Friedberger.

Mit „Herz und Hand“ – und mit Verstand – wurden dann zahlreiche Unternehmungen gestartet, die neues Leben in den Verein bringen sollten. Wir zählen hier nur einige davon auf:

Um die Wintersaison zu überbrücken, organisierten Jürgen und seine Mithelfer ein Fitnesstraining für alle Tennismitglieder in der Schulturnhalle.

Man nutzte diese Turnhalle auch für das neu strukturierte Jugendtraining. Der Finanzbeamte Jürgen übernahm selbst den Trainerposten – assistiert von seiner Tochter Alexandra (die heute als Lehrerin mit Tobi Strodtbeck verheiratet ist und inzwischen drei Kinder zur Welt gebracht hat, die alle auch schon bei der SVGG Trunstadt Tennis spielen.).

Man startete eine Kooperation mit dem Kindergarten und natürlich griff der Vorsitzende wieder zum Schläger und gab den Kleinsten ein Mal wöchentlich Tennisunterricht.

Jahr für Jahr wird für alle Mitglieder eine gemeinsame Städtereise geplant und durchgeführt. 

Seit 2011 übernimmt die Tennisabteilung die Gestaltung des größten Festes im Ort – des „Trunstädter Faschingballs“. Der dabei erzielte Überschuss wird dem Tennisverein zugeführt, der diese Gelder wieder in neue Projekte investiert, zum Beispiel in die Materialien zur Erweiterung und Renovierung des Clubheims, bei dem die Mitglieder in Eigeninitiative „selbst Hand anlegen“.

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Verschiedene Events für die Mitglieder, die heute regelmäßiger Bestandteil des Vereinslebens geworden sind, wurden initiiert: ein Familientennistag, ein Pfingstturnier, die Einrichtung eines Moonlight-Turniers, das am späten Abend gestartet wird und spätnachts bei der gemeinsamen Feier seinen feucht-fröhlichen Abschluss findet.

„Wir haben sogar Flutlicht!“, greift Tobias lächelnd ein, als sein Schwiegervater von diesem Turnier erzählt.

Längst zur Tradition ist auch der jährliche Ausflug der sogenannten „Donnerstagsrunde“ (6 Doppelpaarungen)zu verschiedenen Attraktionen der fränkischen Umgebung geworden.

„Das Gesellschaftliche steht im Vordergrund! Der familiäre Charakter prägt die gesamte Abteilung. Die Mitglieder sollen sich wohlfühlen. Ich glaube, das ist uns gelungen: der Zusammenhalt im Verein ist ziemlich einmalig in der gesamten Region“, beschreibt Jürgen Friedberger die Atmosphäre dieser Veranstaltungen.

Durch diese vorbildlichen Aktionen hat sich der Verein jetzt Schritt für Schritt aus der Talsohle herausgearbeitet.

„Gegenwärtig haben wir wieder über 130 Mitglieder“, stellt der Vorsitzende sachlich fest.

Sein Schwiegersohn wird etwas emotionaler: „ Das Besondere ist der Sinn für Gemeinschaft in unserem Verein. Bei den Punktspielen ist die Anlage immer voll mit heimischen Zuschauern. Wenn das Herrenteam spielt, sind die spielfreien Damenmannschaften und die anderen Herrenteams fast vollständig versammelt. Umgekehrt ist das genauso. Die Mannschaften unterstützen sich gegenseitig.

Das gilt auch für das Training: die starken Herrenspieler trainieren die Damen, die spielstärksten Damen trainieren wiederum den Jugendbereich.“

Beim Thema Training ergreift wieder Jürgen das Wort:

„Weil der Trainingsbetrieb so angewachsen ist, fehlen uns manchmal Plätze. Wir haben dann Plätze bei Nachbarvereinen angemietet, deren Plätze leer stehen. Die freuen sich über die geringfügige Platzgebühr, die wir ihnen zukommen lassen.“ Gemeinsam voran.

Mit stolzen Augen weist er noch darauf hin, dass für alle Kinder das Training im Sommer wie im Winter kostenlos ist.

Auf die Frage, wie das alles erwirtschaftet werden kann, antwortet der ehemalige Finanzbeamte lakonisch: „Mein Schatzmeister ist ein ehemaliger Banker! …“

Sein Schwiegersohn stellt noch andere Zusammenhänge heraus:

„Fast alles bei uns wird in Eigenleistung erstellt: Der Ausbau des Clubhauses, die Dachsanierung, die Instandhaltung der Anlage, das Schneiden der Hecke, die Tennisplatzaufbereitung und sämtliche Reparaturen. Durch die Tatkraft der Clubgemeinschaft  fallen in diesen Bereichen nur Materialkosten an.“

Mit stolzem Lächeln fügt er noch hinzu: „Natürlich ist auch das Vereinswappen am Eingang der Anlage von einem künstlerisch begabten Mitglied unseres Vereins gestaltet worden.“

Auf die kritische Frage nach Schwierigkeiten in der Gegenwart, zögern die Gesprächspartner mit der Antwort, denken nach, suchen nach möglichen Problemen.

Nach einiger Zeit ist Jürgen fündig geworden:

„Das Verhältnis von Mädchen und Jungen ist ungünstig. Mehr als 70 Prozent der Jugendlichen sind Mädchen. Die Buben gehen vorrangig zum Fußball.“

Tobias sieht gewisse Probleme für die Zukunft: „Ohne Trainer aus dem Leistungssport verlieren wir bald unsere besten Talente an die umliegenden Großvereine mit professionellen Trainern.“

Gelassen wird er von seinem Schwiegervater und Vorsitzenden in seinen Ausführungen unterbrochen: „Unsere Mitglieder haben überhaupt nicht einen derartigen Anspruch. Ihre Kinder sollen einfach nur spielen, sich bewegen. Ich halte das auch für gesund – in jeder Hinsicht.“

In der Zwischenzeit haben sich auch einige andere Mitglieder eingefunden und lauschen dem Gespräch. Bei dem letzten Thema beteiligen sie sich zurückhaltend, und schnell ist man sich einig, als das Ziel für die Zukunft formuliert wird: Der Mitgliederstand soll gehalten werden. Die Spielfreude soll weiterhin im Vordergrund stehen.

In der Tennisidylle Trunstadt wird der Tennisverein in bescheidener, ruhiger und herzlicher Manier geführt. Um die Zukunft dieser Tennisabteilung braucht man sich – wenn der Führungsstil beibehalten wird – wohl keine großen Sorgen machen.